Die Stadt Edfu liegt etwa mittig auf der Strecke zwischen Luxor und Assuan auf der westlichen Nilseite. Ihr moderner Name leitet sich von der koptischen Bezeichnung „Atbo“ her. Die griechische Antike setzte Horus mit Apollon gleich, Edfu trug daher auch die Bezeichnung „Apollinopolis Magna“. Der Hauptgott des antiken Edfu war Horus mit dem Beinamen „Behdet“, abgeleitet von einem alten Bezirk Edfus. Horus-Behdet formte zusammen mit seiner Gattin Hathor von Dendera und dem gemeinsamen Sohn Harsomtus die Göttertriade von Edfu. Der Mythologie zufolge kämpfte Horus von Behdet gegen die Feinde des Götteroberhaupts Re-Harachte und nahm während des Kampfgeschehens zeitweise die Form einer geflügelten Sonnenscheibe an. Folglich war dies eine der Erscheinungsformen des Gottes neben der Falkenform und der Menschengestalt mit Falkenkopf.
Der imposante Horustempel aus der Ptolemäerzeit macht Edfu zu einem beliebten Ausflugsziel für Ägyptenreisende. Tatsächlich handelt es sich um den am besten erhaltenen Tempel Ägyptens; lediglich wenige Architekturelemente fehlen und manche Götterdarstellungen wurden in späterer Zeit aus religiösen Gründen ausgemeißelt.
Die Architektur des Tempels
Der Horustempel von Edfu weist alle klassischen Elemente einer Kultstätte der ptolemäischen Zeit auf: Hinter dem vorgelagerten Pylon liegt ein offener Hof, der in die Vorhalle übergeht. Das eigentliche Tempelinnere besteht aus einer Säulenhalle, an die sich zwei Hallen anschließen, die in das Allerheiligste führen, welches dreiseitig von kleinen Kulträumen umgeben ist. Eine Umfassungsmauer umgibt den gesamten Komplex. Außerhalb selbiger liegen ein Nilometer sowie ein Geburtshaus. Der ptolemäische Bau wurde 237-57 v.Chr. ausgeführt, geringe Reste eines Vorgängerbaus der Zeit des Neuen Reiches (mutmaßlich von Ramses II.) sind erhalten geblieben. Der Tempel war lange Zeit meterhoch, bis wenig unter das Dach mit Sand verschüttet, was seinen hervorragenden Erhaltungszustand erklärt. Erst ab 1860 wurde der antike Bau freigelegt, umfassend wissenschaftlich dokumentiert und restauriert. Die reiche Fülle an Texten und Bildern ermöglicht weitgehende Einblicke in das Kultgeschehen der ptolemäischen Epoche. Der Tempel wurde aus Sandstein errichtet und ist nord-südlich orientiert, er erstreckt sich auf einer Gesamtläge von 137m. Baugeschichtlich wurde zunächst der heute südlichste Teil mit dem Allerheiligsten und den Vorhallen errichtet. Anschließend, über mehrere Bauphasen hinweg, teilweise mit jahrzehntelangen Pausen entstand das Gebäude, wie es heute noch bestaunt werden kann. Als Letztes wurden Hypostylhalle, Vorhof und Pylon errichtet.
Der Pylon
Der eindrucksvolle Pylon mit seinen zwei Türmen und dem mittleren Haupttor bildet den Zugang zum Horustempel. Der Pylon hat gewaltige Ausmaße von 36m Höhe und 64m Breite, was den Torbau zum zweitgrößten dieser Art in Ägypten macht. Die Fassade ist umlaufend mit einem Rundstab geschmückt, während den oberen Abschluss der Türme und des Tors ein Hohlkehlengesims bildet. Beidseitig des Zugangs befinden sich je zwei großformatige, hohe Vertiefungen, die einst monumentale Fahnenstangen (von ca. 45m Höhe) gehalten haben, die darüber liegende Verklammerung der Stangen (in Form von viereckigen Aussparungen) in der Fassade ist ebenfalls gut zu erkennen. Der Pylon ist auf allen Seiten reich mit Reliefs und Inschriften dekoriert. Die Verzierung der Türme an der Front ist spiegelbildlich aufgebaut: Das meterhohe Hauptmotiv zeigt jeweils König Ptolemäus XII. beim Erschlagen seiner Feinde, ihm zugewandt jeweils zwischen den Fahnenvertiefungen und dem Tor stehen Hathor und Horus, die Hauptgottheiten des Tempels. Über dieser Szenerie wird in zwei Registern derselbe Herrscher abgebildet, der vor mehreren thronenden Gottheiten Opfer in Form einer Figur der maat, Kronen, Stirnreifen und Uräen darbringt. Den unteren Abschluss der Dekoration der Pylonfront bildet eine Prozession zu Ehre der Triade von Edfu.
Das Portal, die innere Struktur und der Vorhof
Das Eingangsportal konnte ehemals über eine 14m hohe, doppelflügelige Holztür verschlossen werden. Es wird von einer geflügelten Sonnenscheibe mit Uräen auf seiner gesamten Breite überspannt. Das Tor ist an der Vorder- und Rückfront, sowie im Durchgang mit Reliefs des Königs und zahlreicher Gottheiten verziert. Beidseitig des zentralen Eingangs stehen Statuen des Horusfalken aus Granit auf rechteckigen Sockeln. Zwischen den Beinen der linken Vogelfigur ist der Pharao als kleine stehende Figur in anbetender Haltung dargestellt. Ehemals trugen die Falken die Doppelkrone Ober- und Unterägyptens. Im Inneren des Pylons befinden sich mehrere mit Treppen verbundene Kammern. Die Stufen führen bis auf die hoch gelegene Terrasse, die einen wunderbaren Ausblick bietet. Darstellungen und Inschriften auf der Tempelmauer und der Rückseite des Pylons zeugen davon, dass ehemals zwei Obelisken auf dem Hof vor dem Pylon gestanden haben müssen, von denen sich jedoch nichts erhalten hat.
Der Säulenhof
Auf einer Länge von ca. 49m erstreckt sich hinter dem Pylon ein offener Hof. Dieser ist komplett gepflastert und dreiseitig von einer Kolonnade, gebildet aus 32 Säulen, umgeben. Den oberen Abschluss der Säulen bilden kunstvolle Pflanzenkapitelle unterschiedlichen Typs. Die Säulenschäfte und alle Rückwände des Umgangs sind in ihrer gesamten Höhe mit Reliefs und Beischriften versehen. Die Dekoration zeigt unter anderem ptolemäische Pharaonen vor den Göttern, als Sieger über ihre Feinde oder kultische Szenen, wie eine Hathorprozession. Ehemals stand zentral auf dem Hof der große Tempelaltar, auf dem den Gottheiten geopfert wurde. Die Rückwand des Pylons bildet den südlichen Abschluss des Säulenhofes, parallel zur Front ist sie mit Szenen, welche Pharao Ptolemaios XII. opfernd vor den Göttern zeigen, verziert. Weitere Darstellungen im unteren Bereich des Pylons, hinter den Säulen, bilden den König beim Aufstellen von Obelisken sowie kultischer Symbole vor Horus ab. Inschriften im Horustempel benennen sämtliche Bauelemente und Räume und führen deren Größe und Funktion auf. Über den Säulenhof heißt es, dass die umgebenden Säulen wie ein Falkennest wirken sollten; der Name des Hofes lautet: “Stätte, an der Seth niedergeworfen wird, der Feind des Harachte“ und bezieht sich auf den mythologischen Kampf des Horus gegen Seth, der an diesem Ort stattgefunden haben soll.
Das Hypostyl
Die Front
Das Hypostyl wurde ab 142 v.Chr. errichtet, seine Front von 34m Breite und 12,5m Höhe bildet den nördlichen Abschluss des Säulenhofes. Die prächtige Fassade wird beidseitig von je drei Säulen gebildet, zwischen denen halbhohe Mauern eingezogen sind. Die Front ist umlaufend mit einem Rundstab verziert, eine Hohlkehle bildet den oberen Anschluss. Die Säulen tragen Pflanzenkapitelle, deren Ausformung auf der linken und rechten Seite des Zugangs symmetrisch gestaltet ist. Die sechs Bildfelder auf den Zwischenmauern sind mit Rundstab und Hohlkehle eingefasst, sie zeigen König Ptolemaios VIII. stehend vor den Gottheiten Horus und Hathor. Auch die Säulenschäfte sind reich mit Reliefs verziert, die kultische Handlungen abbilden. Der zentrale Zugang wird von seitlichen Einfassungen mit unterbrochenem Türsturz gebildet. Die oberste Szene auf den Pfosten zeigt beidseitig den König in Gestalt einer Sphinx vor Horus opfernd. Darunter wird in vier Bildern der Pharao opfernd vor Hathor und Horus dargestellt.
Zwei Granitstatuen des Horus in Falkenform flankieren den Eingang. Die linke ist beinahe vollständig erhalten und trägt eine Doppelkrone, während die rechte gleichartige Figur leider nur noch in Fragmenten erhalten ist.
Das Innere
Das Dach des Hypostyls wird innen von je sechs Säulen, angeordnet in drei Reihen beidseitig des Mittelgangs, getragen. Auch diese Säulen sind umlaufend reliefiert und tragen vegetabile Kapitelle. Die Decke ist mit astronomischen Darstellungen geschmückt, die jedoch aufgrund schwarzer Rußspuren nur noch schlecht erkennbar sind. Der Ruß rührt daher, dass während der Zeit als der Tempel meterhoch mit Sand gefüllt war, dort Einheimische ihre Behausungen errichteten. Die Feuer, die sie entfachten, schwärzten über Jahrzehnte hinweg die Tempeldecke. Auf der Ostseite des Hypostyls führt ein Durchgang in den Wandelgang, der den Hauptkultbereich umgibt. Das Tor zur anschließenden Säulenhalle wird von einer Darstellung der Sonnenbarke geziert, verehrt von Ptolemaios IV. und den Personifikationen der vier Wahrnehmungen (Erkenntnis, Entschluss, Hören, Sehen).
Die Darstellung der Tempelgründung
Die Wände des Hypostyls sind mit zahlreichen, in Registern angeordneten Szenen verziert, die vor allem kultische Handlungen abbilden. Interessant ist die Darstellung der Erbauung des Edfu-Tempels an der Westwand. Der König steckt in Begleitung von Horus und der Schreibergöttin Seschat das Gelände ab und formt den Grundstein in einer Ziegelform. Er hackt nun das Tempelfundament aus und befestigt es mit Sand, in den Beigaben gelegt werden. Im Folgenden führt der Herrscher eine rituelle Reinigung des nun geheiligten Baugrundes durch. Nach der Errichtung des Tempels wird dieser zuletzt mit Weihrauch erfüllt und Horus präsentiert. An der Rückwand des Hypostyls wird die Feier der Tempelgründung dargestellt.
Die Weihekammer und die Bibliothek
An den Rückwänden der Zwischenmauern der Hypostylfassade bildet vorstehendes Mauerwerk zwei kleine Kammern beidseitig des Zugangs. Inschriften beschreiben die damalige Nutzung dieser Kammern: Demnach wurde die östliche Kammer als Bibliothek genutzt; Schriftstücke, welche die Priester zum Vollzug der Rituale benötigten sowie weitere heilige Bücher wurden dort aufbewahrt. Beischriften im Inneren der Kammer nennen bis heute die Titel einiger Schriftrollen, wie das „Buch vom Tempelinventar“. Die Kammer der Westseite wurde für den Vollzug von Reinigungsriten benötigt, denen sich der König in seiner Funktion als hoher Priester beim alljährlichen Fest der Vereinigung Horus‘ und Hathors unterziehen musste. Zu diesem Zweck enthielt die Weihekammer goldene Wassergefäße.
Der Säulensaal
Der hinter dem Hypostyl liegende, kleinere Säulensaal wird von zwölf mächtigen Rundsäulen mit Pflanzenkapitellen gestützt. Lediglich durch kleine Schlitze fällt Licht hinein. Das Bildprogramm ist weitgehend eine Kopie der Szenen des Hypostyls. An der Ost- und Westseite der Halle befinden sich je zwei Turmbauten, vom hinteren östlichen Turm führen Treppen auf das Tempeldach. Wie bereits im Hypostyl erlauben Durchgänge den Zugang zum Wandelgang. Ein Nebenraum an der Westseite wurde ehemals als Laboratorium genutzt, wo Salben, Öle, Parfüme und Räucherwerk hergestellt wurden. Die entsprechenden Rezepturen finden sich in Stein gemeißelt auf den Innenwänden dokumentiert. Die daneben liegende Kammer diente zur Aufbewahrung heiligen Wassers und war dem Nilgott Hapi geweiht, der mehrfach dort abgebildet ist. Auf der Ostseite liegt ein kleiner Raum, in dem einst die Tempelschätze in Form von Edelsteinen, Gold, Silber und Amuletten aufbewahrt wurden.
Die erste Vorhalle
Eine schmale Vorhalle liegt nördlich des Säulensaals. Auf der Ostseite führt ein quadratisch gewundener Treppenaufgang auf das Tempeldach. Prozessionen von Priestern an den Gangwänden zeigen die Laufrichtung an und erläutern das Ritual des Neujahrfestes. Zu diesem Anlass wurden die Kultbilder der Götter zum Jahresbeginn auf das Tempeldach gebracht. um dort durch die Vereinigung mit der Sonne neue Kraft zu erhalten. Hölzerne Kioske auf dem Dach dienten dabei als Ritualorte, sind jedoch nicht mehr erhalten und lediglich durch Pfostenlöcher und Inschriften nachweisbar. Der Abstieg erfolgte durch eine geradlinig gestaltete Treppe an der Westseite der Vorhalle, welche mit hinabsteigenden Priesterkolonnen dekoriert ist. Die ursprüngliche Bezeichnung für die Vorhalle lautete „Opfersaal“, dem entsprechend zieren die Wände Darstellungen von Gottesopfern und Kultritualen. Neben den typischen Szenen des Königs vor den Göttern werden auf der unteren Westwand auch Dämonen und feindliche Schlangen abgebildet.
Die zweite Vorhalle
Die zweite Vorhalle bildet den Übergang zum Zentrum des Tempels. Ihr Bodenniveau ist gegenüber den vorgelagerten Räumen erhöht – eine typische Bauweise ägyptischer Tempel, deren innerste Räume höher liegen, während die Dachhöhe zum Allerheiligsten hin abfällt, um ein intimes Treffen von Gott und Mensch zu ermöglichen. Der Raum trug den Namen „Saal der Götterneunheit“ und diente zur Lagerung der tragbaren Götterschreine; die Wände sind mit zahlreichen Götterdarstellungen verziert. An der Ost- und Westseite gehen Kammern von der Vorhalle ab. Der westliche Raum ist „die Kammer des Min“, die der Verehrung des Fruchtbarkeitsgottes diente. Das Kultbild des Gottes muss sich einst dort befunden haben. Auf der Ostseite liegt in einem Hof eine kleine, über drei Stufen erreichbare Kapelle. Kartuschen auf dem Türsturz nennen die Namen von Ptolemaios IV. und Arsinoe III. Die Bildszenen und Hieroglyphen im Inneren umfassen unter anderem einen Lobeshymnus auf Hathor, die Darbringung von Opfern für die Götter, sowie das Erschlagen von Schlangen durch den Pharao.
Das Allerheiligste
Vier Stufen führen hinauf in das Allerheiligste des Tempels, einen langrechteckigen, nur durch kleine Schlitze spärlich beleuchteten Raum. An dessen Rückwand steht der 4,20m hohe Schrein, in dem, hinter Bronzetüren, das Kultbild des Horus stand. Der Schrein ist aus einem einzigen Granitblock gefertigt worden und stammt aus der Zeit Nektanebos II. (30. Dynastie), muss also aus einem Vorgängerbau des Tempels stammen. Das Allerheiligste konnte ursprünglich mit hölzernen Türen verschlossen werden, so dass nur wenigen hohen Priestern und dem König der Zugang gestattet war. Die Darstellungen der Wände zeigen König Ptolemaios IV. bei rituellen Handlungen für das Kultbild des Horus sowie beim Opfer vor den heiligen Barken der Hathor und des Horus. Auch die Eltern des Königs sowie dessen Vorgänger und erster Bauherr des Tempels, Ptolemaios III., sind abgebildet.
Die Götterbarke
Vor dem Schrein steht ein Granitblock auf dem die Prozessionsbarke des Horus abgestellt werden konnte. Eine moderne Nachbildung dieses Schiffs steht heute vor dem Schrein. Das Aussehen der Ritualbarke ist aus Abbildungen bekannt, auf dem langen und schmalen Schiffskörper ruht mittig der Schrein für das Götterbild. Den vorderen und hinteren Abschluss bildet ein Falkenkopf mit Perücke und Schmuckkragen. Die Barke ist mit Tragestangen versehen, mittels derer die Priester sie befördern konnten. Anlässlich der alljährlichen Götterfeste wurde das Kultbild des Horus vom Granitschrein in die Kabine der Götterbarke umgesetzt, um andere Heiligtümer bereisen zu können.
Die umliegenden Räume
Das Allerheiligste ist dreiseitig von einem umlaufenden Korridor umgeben, von dem zehn Kammern abgehen. Inschriften nennen die Namen der Kammern sowie deren Maß in ägyptischen Ellen. In einigen Kammern ist die ursprüngliche Farbigkeit der Reliefs, die einst alle Wände und Türdurchgänge schmückte, teilweise noch erhalten. Von den hinteren Eckräumen aus konnten die unterirdischen Krypten, schmale Geheimgänge unter dem Tempel, betreten werden. Die Zugänge waren mit Steinplatten abgedeckt, um den wertvollen Inhalt der Krypten, wie Weihgeschenke oder Kultgegenstände aus Gold und Silber, zu schützen. Die Kammern tragen schlichte Namen wie „die Kleiderkammer“, „die Wiege“ oder „das Grab“. Einige Kammern waren Gottheiten, beispielsweise Chons, Re oder Osiris, gewidmet.
Der äußere Korridor
Der gesamte Bezirk des inneren Heiligtums wird von einer ca. 10m hohen Umgebungsmauer eingefasst. Zwischen dieser und der Außenfassade des inneren Tempels liegt der dreiseitig umlaufende Korridor. Zugänge zu diesem Wandelgang finden sich im Hypostyl und der Säulenhalle. Vom Korridor aus führen an der Ostseite zwei Türen nach außen, eine davon zum Nilometer. Die äußere, 11m hohe Mauer des Tempelumgangs ist leicht nach innen geneigt, den oberen Abschluss bildet eine dekorative Hohlkehle. Interessant sind die Wasserspeier in Form von Löwenköpfen zur Ableitung von Regenwasser an den inneren Wänden.
Das Bildprogramm
Sowohl diese Mauer als auch die Innenseite der Umfassungsmauer sind komplett mit Reliefs geschmückt und bieten ein überreiches Bildprogramm.. Die in übereinander angeordneten Registern gezeigten Szenen sind vielschichtig: Ein Motiv, das immer wieder auftaucht ist der Triumph von Horus über Seth, Letzterer wird z.B. als Nilpferd dargestellt, das von Harpunen durchbohrt wird. Auch Darstellungen ritueller Läufe wie des Ruderlaufs sind an den Wänden verewigt worden. Texte und Bilder beschreiben die Grundsteinlegung des Tempels und das dazugehörige Fest. Auch das sogenannte „Fest des heiligen Falken“ ist ausführlich dargestellt. Natürlich finden sich zahlreiche Darstellungen der Ptolemäerkönige, wie etwa Ptolemaios VIII., der seinen vergöttlichten Vorfahren huldigt. Die rituelle Reinigung des Königs durch Thot und Horus bildet eine weitere Szene ab. Bekannt ist die Darstellung der Krönung Ptolemaios` VI. der von den Göttinnen Uto und Nechbet mit der Doppelkrone zum Herrscher Ägyptens erhoben wird. Zum Bildprogramm gehören darüber hinaus Prozessionen und das Darbringen von Opfern für die Götter.
Das Nilometer
Von der innen gelegenen Ostseite der Umfassungsmauer führt eine schmale Treppe zum Nilometer herab. Dabei handelt es sich um einen kleinen runden Schacht mit spiralförmig nach unten führender Treppe, der ursprünglich Anbindung an das Nilwasser hatte. Anlagen dieser Art gab es im antiken Ägypten bereits seit Jahrhunderten. Den Nilstand ablesen und vorhersagen zu können, war wichtig für die Landwirtschaft und Schifffahrt. Anhand des Pegels und der zu erwartenden Nilschwemme wurden zudem die Steuerabgaben bestimmt. Das Nilometer von Edfu konnte, neben dem Zugang vom Tempelumgang, auch von außen betreten werden.
Das Geburtshaus
Vor der Südwestecke des Tempels, etwa 60m von diesem entfernt, steht das Geburtshaus. Der Bau ist entgegen der Achse des Haupttempels ost-westlich orientiert. Errichtet wurde das Geburtshaus, auch (koptisch) Mammisi genannt, unter Ptolemaios VIII. und IX. Der Bau ist heute leider nicht mehr vollständig erhalten. Er bestand ursprünglich aus dem Naos mit Vestibül, von dem seitlich kleine Kapellen abgingen. Wie im Haupttempel konnte das Dach zum Abhalten von Ritualen betreten werden. Der Naos wurde dreiseitig von Säulen mit Zwischenschranken umgeben. Dem Naos vorgelagert lagen zwei ummauerte Höfe, wo Feste abgehalten wurden. Eine architektonische Besonderheit der Geburtshäuser sind Säulen, deren oberer Abschluss über das Kapitell hinaus verlängert und figürlich verziert ist – im Fall des Baus von Edfu mit dem zwergengestaltigen Gott Bes, der für die Geburt und das Vergnügen zuständig war. Mammisi oder „Häuser des Gebärens/der Zeugung“, so die ursprüngliche Bezeichnung, existieren seit der Spätzeit. Sie feiern die Zeugung, Geburt und Krönung eines göttlichen Kindes, die sich nach mythologischer Vorstellung alljährlich aufs Neue vollzog und mit Festakten begleitet wurde. Das Götterkind des Geburtshauses von Edfu ist selbstverständlich der Sohn Horus‘ und Hathors, Harsomtus, aber auch der Sohn des Reichsgottes Amun mit Isis, Ihi, wurde geehrt.
Das Bildprogramm
Passend zum Verwendungszweck eines Mammisi finden sich im Geburtshaus von Edfu Reliefs, welche die Zeugung und Geburt des Götterkindes abbilden. Es wird z.B. dargestellt wie Chnum, der Schöpfergott, das Kind aus Lehm auf der Töpferscheibe formt. Weitere Szenen zeigen, wie das Kind von der göttlichen Mutter gestillt oder wie der Säugling mit Musik und Tanz erfreut wird. Selbstverständlich wird das Kind mit allem ausgestattet, was es benötigt; die Darreichung von Kleidung, Nahrung und wohlbringenden Amuletten ist Teil des Bildprogramms. Es folgen Darstellungen des heranwachsenden Kindes, das den Göttern präsentiert und schließlich gekrönt wird. Zum Schutz des noch fragilen Lebens finden sich zahlreiche Zauberformeln und Abbildungen von Schutzgottheiten im Heiligtum; zusätzlich ist die Tötung von Feinden als Symbol für die Abwehr allen Bösen dargestellt.